2013 bin ich nach zweijähriger Tätigkeit im Kuratoriums der Stiftung "Jedem Kind ein Instrument" von diesem Amt zurückgetreten. Aufgrund einiger Nachfragen anlässlich meines Rücktritts aus dem Gremium habe ich versucht, meine Gedanken zum Thema ein weiteres Mal aufzuschreiben. Selbstverständlich kann ich der komplexen Thematik dabei nicht umfassend gerecht werden. Dennoch hoffe ich, so meine Position zu verdeutlichen ohne dem Programm zu schaden.
 
1.: Keinesfalls möchte ich mich gegen Instrumentalunterricht aussprechen, auch nicht gegen den Gedanken, diesen in Grundschulen zu integrieren! Für mich greift aber die ausschliessliche Konzentration auf den Instrumentalunterricht in einem so umfassenden und raumgreifenden musikalischen Bildungsangebot wie Jeki zu kurz. Die Motivation zum Lernen eines Instrumentes kommt bei vielen Kindern - insbesondere bei Kindern aus so genannten "bildungsfernen" Schichten - erst aus dem Erlebnis des gemeinsamen musizierens. Hier entstehen Ideen, die Kinder dann gerne und engagiert üben, um sie wiederum im Zusammenspiel umzusetzen. Dazu können wir ihnen in den Instrumentalgruppen oder auch im traditionellen Einzelunterricht und noch auf vielen anderen Wegen die nötigen Hilfestellungen anbieten. Dieses Musizieren, das konzentrierte und gemeinsame Zusammenspiel ist aber auch ohne die weitere Beschäftigung mit einem Instrument schon ein Mehrwert. Nach meinen Erfahrungen und auch den Erfahrungen einiger Kollegen, die für die Offene Jazzhausschule in Köln "Youngster Instrumentalgruppen" (Ensembles, in denen alle Kinder das gleiche Instrument spielen und dabei in ihrem eigenem Lerntempo mit dem Instrument arbeiten, wobei sie unabhängig von den erworbenen Fertigkeiten immer in das gemeinsame musizieren einbezogen sind) oder "Youngster Bands" (Ensembles in denen mit dem "klassischen" Band Instrumentarium und ohne weitere Vorkenntnisse gemeinsam musiziert wird) anbieten, können wir in diesen Formen des Zusammenspiels neben der allgemeinen Musikalisierung auch immer wieder rasche und nachhaltige Fortschritte an den einzelnen Instrumenten beobachten.
 
Darüber hinaus müssen wir mE zum einen berücksichtigen, dass viele Kinder auf Grund ihrer Lebenssituation nicht in der Lage sind, konsequent und über einen längeren Zeitraum mit einem Instrument zu arbeiten. Das regelmässige üben, das aushalten von Frustrationen beim lernen des Instrumentes und so weiter verlangen eine besondere (familiäre) Unterstützung des Kindes, die nach meiner Erfahrung oft nicht gegeben ist.
Zum anderen sind die Musikschulen mit der Forderung, an allen Schulen die von JeKi angegebenen Instrumente anzubieten in vielen Fällen überfordert. Mit der Ansage, im Rahmen von JeKi grundsätzlich alle angebotenen Instrumente lernen zu können wecken wir bei Kindern und Eltern Erwartungen, die wir gar nicht erfüllen können. Hier würde eine Clusterbildung (in bestimmten Schulen werden nur bestimmte Instrumente angeboten), wie sie in meinen Gesprächen mit KollegInnen an Musikschulen immer wieder gewünscht wird, helfen. Dadurch wäre es auch einfacher, innerhalb einer Grundschule zu echter Teamarbeit der verschiedenen für JeKi arbeitenden KollegInnen zu kommen.
 
2: Ein einziges Konzept zu entwerfen, welches im gesamten Ruhrgebiet bzw. in Zukunft in ganz NRW umgesetzt werden soll erscheint mir nicht nicht sinnvoll. In unserer vielfältigen Schullandschaft, in der die verschiedensten Menschen lehren und lernen und in der wir natürlich ganz unterschiedliche Voraussetzungen für die musikalische Arbeit vorfinden, kann das nicht gelingen. Wir müssen uns mE im Gegenteil darauf einlassen, auf der Basis unserer Zielvorstellungen ein breites konzeptionelles und methodisches Spektrum in den einzelnen JeKi Projekten zuzulassen.
 
Die grundlegenden Zielvorstellungen wurden zuletzt im Kuratorium wie folgt formuliert:
 
"Zentrales Anliegen von JeKi ist es, Kinder mit unterschiedlichen musikalischen und sozialen Voraussetzungen beim gemeinsamen Instrumentalspiel, Singen und Tanzen im Rahmen ihrer individuellen Möglichkeiten optimal zu fördern. Dabei wird die Verschiedenheit der Kinder angenommen und genutzt.
Das Programm stellt die individuelle Begegnung mit Musik unterschiedlicher Richtungen durch vielfältige Umgangsweisen und das aktive gemeinsame Musizieren in Ensembles in den Mittelpunkt. Musikalische Erfahrungen zu ermöglichen und diese mit anderen zu teilen, bilden den Kern aller JeKi-Stunden.“
 
Um diese Zielvorstellungen umzusetzen und allen am Programm beteiligten Akteuren den dafür nötigen Raum zu geben, bin ich der Meinung, dass die Teilnahme an JeKi für Schulen und Musikschulen, aber auch für die in den Musikschulen angestellten Lehrkräfte grundsätzlich freiwillig sein muss, also nicht von höherer Stelle angeordnet sein darf. Darüber hinaus sollten Musikschule und Grundschule bestimmte Bedingungen erfüllen, um an dem Programm teilnehmen zu können. Solche Bedingungen hat der ehemalige Vorstitzende des Kuratoriums Rolf Kessler in seiner Stellungnahme vom 12.10.12 vorgeschlagen:

- Konzeptionell verankerte, organisierte Kooperation der Partner vor Ort

- Organisierte, langfristig verbindliche Steuerung inkl. Finanzierung

- Regelung der Kommunikation und der Aufgabenverteilung vor Ort

- Einbindung der Erziehungsberechtigten und der Kinder in Entscheidungsprozesse

- Ausbildungs-/Fortbildungsstand der Partner vor Ort in Bezug auf die Arbeit mit heterogenen Großgruppen

- Demokratisierung von Bildung, d.h. Öffnung für alle Schülerinnen und Schüler

- Anschlussfähigkeit (Kindertageseinrichtungen, Weiterführende Schulen)

Im Sinne einer umfassenden kulturellen Bildung sollten auf der Grundlage dieser Bedingungen und im Rahmen unserer Zielvorstellungen dabei auch musikalische Angebote denkbar sein, in denen der Instrumentalunterricht nicht der zentrale Bestandteil ist, weil er beispielsweise aus den oben formulierten Gründen in manchen Zusammenhängen nicht sinnvoll ist.
 
Für die Musikschulen heisst das: um am Programm teilnehmen zu können, ist in Zusammenarbeit mit ihren Partnern an den Grundschulen die Entwicklung von Konzepten Voraussetzung, welche die spezifischen Bedürfnisse der einzelnen Schulen berücksichtigen. Auch die Interessen und Fähigkeiten der KollegInnen an den Musikschulen sollten aus meiner Sicht dabei so weit wie möglich berücksichtigt werden.
 
3: Zur Begleitung der oben beschriebenen Prozesse brauchen die handelnden Personen Unterstützung. Diese kann von einer umfassenden und individuellen Betreuung beim Aufbau von Projekten oder dem Entwickeln spezieller Methoden (Coaching) über das Erstellen von musikalischen Arrangements, die eine nötige Binnendifferenzierung im Gruppenunterricht ermöglichen bis zu Fortbildungen reichen, die auf die besonderen Bedürfnisse der einzelnen JeKi Standorte abgestimmt sind. Dabei sollten wir immer das ganze System im Blick haben, also auch KollegInnen an der Grundschule mit einbeziehen. Es erscheint mir auch sinnvoll, in den beteiligten Musikschulen nach KollegInnen zu suchen, die ihre Fähigkeiten und Erfahrungen in solchen Fortbildung oder in den Coachings weitergeben können und wollen, so dass die MusikschullehrerInnen voneinander lernen können.
 
  Achim Tang, Februar 2013